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    • Splitter

Herbsthain

  • Splitter

    Mai 2nd, 2026
    Mai 2, 2026

    Die Männer des Hains

    Ah… schenkt einem alten Mann für einen Moment Euer Ohr, seid Ihr so gut? So tretet heran, stolzer Held…. Ich verblasse, müsst Ihr wissen. Doch Ihr… Seht Euch an, so stattlich.. Ihr steht aufrecht. Selbst die Eiche beugt gramerfüllt ihr Haupt.. Sagt, seht ihr die Hainbuche, junger Freund? Der Alte zeigte auf eine der Hainbuchen, die hier wuchsen. Der Baum auf den er zeigte, hatte einen dicken Stamm und er sah ganz verdreht und ineinander verknotet aus, wie dicke Adern an einem starken Arm. Ein jeder dieser Bäume, so sagt die Legende, war einst ein Jüngling, wie Ihr mein Freund. In der Blüte ihres Lebens, wandten sie sich ab und umgaben sich mit düsteren Mächten, die sie nicht zu begreifen vermochten. Fühlt die Rinde.. Der Kern ihrer Jugend schlägt noch immer unter dieser Borke… Sie weigerten sich, zu verblühen.. Und so baten sie um Hilfe. Sie beteten und flehten, leih uns deine Kraft! Sie spürten den Herbst. Junge Triebe, grün und kraftvoll… Doch vergiftet im Inneren, pah! Der Alte spuckte verächtlich auf den Waldboden. Sie sahen ihre Kraft schwinden… So jung.. So töricht!.. Der Alte wurde von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt. Als das Beben abebbte, schrie er zornig: Ich zehrte sie aus, versteht Ihr nicht?! Blut und Speicheltropfen stieben aus seinem zahnlosen Mund. Allzu köstliche Jahre haben sie mir geschenkt, doch das kostbarste blieb mir verwehrt.. Das Bernsteinherz, der Geist der Jugend… Für immer verschlossen. Auch Ihr werdet mir Eure Jahre schenken.

    Denn obschon ich offen zu Euch sprach, glaubt Ihr, Euch könne dies nicht geschehen. Doch der Hain wird sich wandeln, wie die untergehende Sonne. Auch Ihr werdet welken… Doch seid unbesorgt…Ich werde hier auf Euch warten.. Nun geht… Ihr werdet zurückkehren. Eure Brüder… Sie erwarten Euch… Mit diesen Worten drehte der Alte sich um und strich beinahe zärtlich über eine der Hainbuchen. Und verschwand lautlos im Zwielicht.

    Harmonie und Frieden

    Es waren einmal die Geschwisterkinder, Harmonie und Frieden. Es waren streitsame Kinder und sie zankten und zofften sich immerfort. Saßen sie zu Tisch, so wachten sie eifersüchtig über den Teller des anderen. Erzählte der eine von den Erlebnissen des Tages, so wusste die andere es besser. Spielte Harmonie schön mit ihren Bauklötzen, so nahm Frieden sie ihr weg. Und so zankten, stritten und balgten die Kinder sich immerzu, dass es eine rechte Freude war. Eines Tages jedoch, da warf die Mutti Harmonie und Frieden aus dem Haus und rief: „geht! Und kommt nicht eher wieder, ehe ihr gelernt habt, einander zu leiden!“

    Und so standen Harmonie und Frieden auf der steinigen Straße und die Mutti schlug die Tür mit einem so lauten Rumms! zu, dass man Angst haben musste, die Fenster könnten zerspringen. Barfuß standen die beiden Kinder auf der Straße und stritten sich, der jeweils andere sei schließlich schuld an ihrem Leid. Harmonie und Frieden warfen sich die tollsten Flüche an den Kopf und vor lauter schönem Streit vergaßen sie die Zeit. Als die Dämmerung schwer über dem Horizont hing, wurde es den beiden Streithähnen etwas bang. Schweren Herzens mussten Harmonie und Frieden das Kriegsbeil begraben und eine Bleibe für die Nacht finden.

    Alptraum

    „Heute bin ich mit hämmernden Kopfschmerzen aufgewacht. So mies hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen. Und dieser Traum..“

    „Was für ein Traum?“

    „Na gut, ich werd’s versuchen. Ich weiß nur noch, dass ich Angst hatte. Und.. war da nicht eine Frau..? Ja.. ich erinnere mich.“

    „Kam Ihnen die Frau bekannt vor?“

    „Nein, ich denke nicht. Sie war mir unheimlich.“

    „Erzählen Sie mir von ihrem Traum“

    Ich seufzte. „Okay. Aber nur weil Sie es sind.“ Ich zwinkerte der Therapeutin zu. Schweigend schaute sie mich an. Ich wusste, was sie sagen würde. Romantische Gefühle zwischen Therapeut und Klient sind nicht unüblich, blablabla. Wen interessierts. Ich seufzte erneut, als sie nicht reagierte. „Ich glaube ich war in einem Boot.“ begann ich. Aufmunternd nickte sie mir zu. „Ja.. Ich war allein in einem Boot. Und ich fuhr durch einen Sumpf. Es kam mir ewig lang vor. Irgendwann kam ich zu einer Hütte. Ich legte das Boot am Steg an und stieg aus. Dann betrat ich die Hütte. In der Hütte saß eine Frau, ganz in sich zusammengesunken, mit schwarzen langen Fransen vor dem Gesicht. Ich streckte die Hand nach ihr aus, da hob sie den Kopf und sah mich direkt an. Ihr Gesicht war so wunderschön. Makellose Haut, verführerische mandelförmige Augen und ein warmes Lächeln. Ich ging einen Schritt auf sie zu. Da verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Ich wollte etwas sagen, doch ich konnte nicht. Sie zog und zerrte an ihrem Gesicht, als wolle sie sich die Haut vom Fleisch kratzen. Da sah ich es. Ihr wunderschönes Antlitz war nur eine Maske. Sie nahm sie ab, und darunter kam eine wutverzerrte Fratze zum Vorschein. Die gleichen Augen und Lippen, in die ich mich beinahe verliebt hätte. Doch jetzt starrten diese Augen mich hasserfüllt an, der Mund zu einem Schrei verzerrt. Sie schrie. Es ging mir durch Mark und Bein. Und während sie schrie, began sie von Innen Feuer zu fangen. Als würde man unter ein Blatt Papier ein Streichholz halten, glühte sie erst und brannte dann lichterloh, während sie schrie. Ich wünschte mir nur, sie würde endlich still sein. Und dann war sie es. Die Asche verglühte im Wind. Und die Stille wog schwerer als ihr Schrei. Ich wollte aus der Hütte rennen, doch ich bewegte mich wie durch dicken wackelpudding. Ich fiel rücklings in das kleine Boot. Dann bin ich aufgewacht.“

    Während ich erzählt hatte, hatte meine Therapeutin nur stumm zugehört und an den richtigen Stellen genickt. Jetzt sprach sie mit mir, doch ich hörte sie nur ganz dumpf, wie durch Watte. Wenn nur diese vermaledeiten Kopfschmerzen nicht wären… Ich wollte nach dem Glas Wasser auf dem kleinen Beistelltischen greifen, als mir schwindelig wurde. Mein Sichtfeld wurde immer kleiner. Ich sah meine Therapeutin, doch wie durch einen stecknadelgroßen Tunnel. Dann wurde alles Schwarz.

    Als ich erwachte, lag ich auf dem Fußboden des Praxisraums. Die reich verzierten Stuckleisten an der Decke waren mir vorher nie aufgefallen.

    „Herr Christian? Hören Sie mich?“

    „Ja.“ brachte ich krächzend hervor. „Was ist passiert?“

    „Sie haben das Bewusstsein verloren und waren für etwa 5 Minuten ohnmächtig. Ich habe bereits einen Arzt verständigt. Wie fühlen Sie sich?“

    Gut.. Es geht mir gut.“

    Ich wedelte unwirsch mit einer Hand. Ein Riesen Theater mit Rettungswagen und dem ganzen Brimborium hatte mir noch gefehlt. Ich brachte ein müdes Lächeln zustande. „Das wird schon wieder.“

    „Gut. Das ist gut. Erzählen Sie mir von Ihrem Traum.“

    „Was? Nein. Ich hab höllische Kopfschmerzen.“

    „Erzählen Sie mir von Ihrem Traum. Sie werden sich besser fühlen.“

    „Nein, ich möchte wirklich nicht..“

    „Erzählen Sie mir von Ihrem Traum.“

    Die Kopfschmerzen meldeten sich mit Vehemenz zurück. Mir wurde übel.

    „Hören Sie.. es geht mir nicht gut… Wo bleibt denn der Arzt? Ich bin nur froh, wenn ich den heutigen Tag überlebt habe und in meinem Bett liege.. Mehr will ich gerade wirklich nicht.“

    „Sie sagen, sie wandeln unter den Lebenden. Doch wie können Sie da sicher sein?“

    Die Therapeutin legte den Kopf schief und starrte mich an.

    Ihr Blick war so durchdringend, er verursachte mir körperliche Schmerzen.

    „Was… Ich verstehe nicht…“

    Ihre Stimme klang wie ein Echo, gleichzeitig ganz nah und so fern. Ich sah sie an. Ihr Gesicht verschwamm vor meinen Augen. Das muss eine Migräne oder so etwas ähnliches sein. Ich Schloß meine Augen, da ihnen derzeit wohl nicht zu trauen war.

    Bevor ich hinüberglitt, hörte ich sie zu mir sprechen.

    „Träum süß mein Kind.. Schlaf, und du wirst vergessen… Erneut. Nicht Dir ist die Frau im Traum erschienen. Du bist der Alptraum.“

    #poetry

  • Adalbert

    März 9th, 2026
    März 9, 2026

    An düsteren Tagen, wenn die Dämmerung über kahle Äste kriecht.

    Wenn das Zwielicht in diesem schmutzigen Orange über weite Felder schleicht,

    Wenn die Eule der Maus den Tod verspricht,

    dann höre ich das kalte Dröhnen des MGs und ich spüre das Rütteln dieser gut geölten Maschine in den zitternden Fingern meines Großvaters.

    Gestandene Männer die im Dreck liegen und unbändig nach ihrer Mama schreien, wenn mit einem letzten, gurgelnden Röcheln der Schmerz versiegt, niedergemäht wie goldgelbe Halme im Spätsommer.

    Dann ernten wir, was wir säten.

    Morsche Kiefern wiegen sich mit dem Wind, ich lausche ihrem Klagelied.

    In einer finsteren Nacht prasselt Regen auf den Asphalt.

    Blitze durchzucken die Schwärze des Nachthimmels. Der Donner akzentuiert die Unerbittlichkeit dieser Welt.

    Im blauen Dunst des Tabaks erahne ich das Antlitz des Fährmannes.

    Wenn der Feind schmatzend erstickt am eigenen Lebenssaft, dann, ja dann reißt es junge Seelen entzwei. Erdrückt, unter der Last einer Schuld, die nicht die ihre ist. Zerfetzt, von einem Krieg der nicht der unsrige ist.

    Verwundete Herzen erfrieren im ewigen Winter. Wir tragen eine Dunkelheit, die nicht die unsrige ist.

    In der dunkelsten Nacht, träumen wir vom Lichte verblasster Tage.

    #poetry

  • Trauer

    März 3rd, 2026
    März 3, 2026

    Eine gläserne Rose, gebettet in Asche.

    Zarte Blütenblätter vergehen in der Glut.

    Ein leises Glimmen ists was bleibt,

    Zärtlich fällt die Wintersonne auf die Lichtung, flüchtig, wie ein Gedanke und doch erinnert.

    Langsam entsteigt der Dunst der Wiese, hin zum Firmament, als wüsste er nicht, wie weit der Weg ist.

    Der Schmetterling, seidene Flügel, gesponnen aus dem Stoff der Morgenröte.

    Aus einer zerbrochenen Sanduhr rinnt der Sand

    Stunden versickern stumm in der Kälte der Nacht.

    Die Stille spricht zu mir, sie klingt beinahe wie Du.

    Im Blauen Dunst erkenne ich Dich.

    Ich trage Dich in mir, bis auch Ich welk zu Boden falle, wie die Kirschblüte in der Dämmerung des Frühlings.

    #poetry

  • Der Baum

    Dezember 28th, 2025
    Dezember 28, 2025

    Balduin bemerkte früh, dass etwas nicht stimmte. Der kräftige Zwerg stand hinter der Theke und strich über die Tasten der Registrierkasse. Sie war ein handgefertigtes Unikat und von seinem Vetter Olwig für ihn zur Geschäftseröffnung eigens geschmiedet worden. Olwig pflegte zwar zu sagen, dass ein echter Zwerg nur zwei Dinge bräuchte: die unbändige Glut der Esse und einen schweren Hammer, der entweder zum Schmieden oder zum Bergbau benutzt wurde und das Balduin das Krämerhandwerk den Elstern überlassen solle, die seien gerissener. Doch da beide Vettern ausgesprochene Sturköpfe sind, und sich damit als sehr zwergisch bewiesen, ließ sich weder Balduin das Händlerdasein noch Olwig das Schmiedehandwerk ausreden und so kam es, dass Balduin in den Besitz der Kasse kam. Sie war aus dem geheimen Metall der Zwerge geschmiedet, dem Dwemer. Die Schmiedemeister der Zwerge hüteten das Geheimnis der Mischung eifersüchtig und gaben es nur an ihre Nachfolger weiter, die es ihrerseits streng beschützten und verfeinerten. So hat jede Zwergenschmiede ihr ureigenes Rezept mit einer individuellen Mischung, ein jede zeichnet sich jedoch durch enorme Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit aus. Balduins Registrierkasse jedenfalls war von messingähnlicher Farbe, doch wenn das Licht im richtigen Winkel schien, schimmerte die Kasse in einem glänzenden Kupfer. Filigrane Ornamente zierten die Kasse und sorgten so stets für Aufsehen in Balduins Laden. Die Kasse hatte einen glockenklaren Klang und hatte in den vergangenen 25 Jahren weder geklemmt, noch einen Tropfen Öl benötigt. Sie arbeitete zuverlässig wie ein Uhrwerk und war, schlicht gesagt, ein Meisterstück zwergischer Schmiedekunst.

    Vor „Balduins Krämereien“ herrschte wie üblich geschäftiges Treiben. Balduin ließ den Blick über die Regale seines kleinen Ladens schweifen. Allerlei Töpfe, Tiegel und Gefäße standen auf den staubigen, Regalen aus massiver Eiche. Balduin handelte mit allem was das Zwergenreich so hergab und er war viel auf Reisen. Unterwegs sammelte er seine Waren, heimische Kräuter, exotische Gewürze, seltene wie gewöhnliche Mineralien, feine Stoffe und die begehrten Panzer der Insekten. Einmal besiegt, waren diese Kreaturen eine überaus lohnende Einnahmequelle, doch sie zu bekämpfen war gefährlich. Viele Arten produzierten ein Gift, welches im besten Falle sofort tödlich war und die Organe des Unglückseligen in einen insektenfreundlichen Smoothie vorverdaute. Doch Balduin hatte Geschichten gehört, dass dies nicht das Schlimmste sei. Fiel man den gefürchteten Spinnen zum Opfer, so lähmte das Gift das Opfer bis zur völligen Bewegungslosigkeit. Die Spinnen verschleppten dann die wehrlose Beute und bewahrten sie auf bis sie Hunger bekamen, sozusagen als lebende Vorratskammer. Niemand soll je lebend einen Bau so einer Spinne verlassen haben. Balduin fragte sich zwar, woher dann die Geschichten kommen, beschloss aber dennoch den Wahrheitsgehalt nicht auf eigene Faust testen zu müssen. Balduin beschränkte sich darauf, Raupen aus dem Hinterhalt zu erlegen. Die kräftigen Mandibeln der Tiere konnten, fähig weiterverarbeitet und anschließend im Stiefel versteckt, eine unauffällige wie tödliche Waffe sein. Dann und wann fand er einen der riesigen Hirschkäfer, der sich aus Altersschwäche zum Sterben zurückgezogen hatte. Von diesem Tier konnte er fast alles zu Gold machen. Der Panzer wurde zu Rüstungen oder Tresortüren verarbeitet, das Horn konnte eine fürchterliche Waffe sein und die feingliedrigen Flügen trieben, in den Wind gespannt, zuverlässig Mühlen und Schiffe an. Das Fleisch war bedenkenlos essbar und erfreute sich großer Beliebtheit, nur für die giftigen Innereien des Hirschkäfers hatte Balduin keine Verwendung und ließ sie liegen.

    An diesem Tag strich Balduin wie jeden Tag über die erhabene Struktur der Verzierungen, zärtlich wie zur Begrüßung eines alten Freundes, doch die erwartete beruhigende Wirkung blieb dieses Mal aus. Er legte die Finger auf die Tasten, und da spürte er es. Die Tasten der Kasse vibrierten. Diese Tasten haben in 25 Jahren noch nicht vibriert. Etwas stimmt nicht. Etwas ist ganz gewaltig nicht in Ordnung.

    Die großen, dunklen Apothekergläser in Balduins kleinem Gemischtwarenladen zitterten leicht, als wollten sie von den Regalen hüpfen.

    Balduin trat hinter der Kasse hervor und in diesem Augenblick gab es ein ohrenbetäubendes Krachen, das Geräusch fuhr Balduin durch Mark und Bein und er hielt sich vor Schmerz die Ohren so fest zu er konnte. Das Vibrieren wurde stärker und überall in Balduins Laden fielen die Gefäße von den Regalen. Gerade wollte Balduin retten, was zu retten ist, da riss ihn das Vibrieren und Schütteln wie ein Erdbeben von den Füßen. Balduin schlug hart auf dem Boden auf und hielt sich den schmerzenden Schädel, als das Vibrieren und Schaukeln von jetzt auf gleich aufhörte. Für einen Moment war es totenstill in Balduins Laden, und er hielt den Atem an. Da knackte es ohrenbetäubend ein zweites Mal und der Boden unter Balduin riss auf! Mit einem beherzten Hechtsprung rettete Balduin sich hinter seine Ladentheke. Keine Sekunde zu früh, denn nur einen Wimpernschlag später kippte sein Laden zur Seite weg. Die große Eiche, Balduins Zuhause, das Zuhause der Zwerge, war gefallen. Balduins Laden befand sich genau an der Abbruchkante und der alte Zwerg spähte fassungslos über die Kante. Wie ein gefallener Riese lag die Eiche auf dem Waldboden. Der Wind riss an Balduins Kleidung. Er war in dieser Eiche geboren. Seit Generationen lebte sein Volk in dem kräftigen Baum und die alte Eiche hatte sie stets gut beschützt. Nun war sie fort. Und mit ihr alles, was Balduin je ein Zuhause genannt hatte.

  • Der Wald

    Oktober 24th, 2025
    Oktober 24, 2025

    Der Wald. Ich gehöre in den Wald. Die Stadt ist tot. Ein Ameisenbau aus Beton und Asphalt. Das Geld ist die Königin und zieht gierig an unseren Strippen. Marionetten, Aufziehpuppen. Wir tragen die Krawatten wie Hunde ihr Halsband, stolz zeigen wir, wem wir gehören. Wir verschenken unser kostbarstes, unsere Zeit. Als Dankeschön werden wir süchtig nach dem schnöden Mammon, ein leeres Konzept das uns dazu konditioniert mehr Zeit zu verschenken, damit wir uns sinnlose Dinge kaufen können. Der Wald. Der Wald atmet. Der Wind in den Wipfeln, wie ein leises Flüstern. Glühwürmchen in völliger Dunkelheit wie kleine Augen. Das Moos zwischen den Fichten, wie ein flauschiger Teppich. Ein Meer aus Klee. In der Dunkelheit erwacht der Wald zum Leben, wenn all die Menschen fort sind. Wenn ich mit meinem Hund in völliger Dunkelheit im Wald stehe. Dann bin ich der Wald. Wenn der Regen fällt und die Herbstsonne dämmert. Dann fühle ich die Ewigkeit des Waldes. Ich wandere durch Marschland und Sümpfe. Ich fühle die Natur, wenn der Wind auffrischt und ein nahendes Gewitter ankündigt. Bäume beugen sich knarrend der unsichtbaren Kraft. Der Wald.

    #poetry

  • Stream of Consciousness

    Juni 23rd, 2025
    Juni 23, 2025

    Stream of conscious

    Ich habe das Gefühl, wir kommen immer tiefer an unsere Themen dran. Wir werden schlauer, wir sehen mehr. Verborgenes wird sichtbar. Und doch bleiben wir blind. Ein kurzer Moment der Erleuchtung, doch die Nacht bleibt Finster in Gänze betrachtet. Regen prasselt auf den Asphalt. Ein Sommergewitter entlädt seine Spannung. Blitze durchzucken die Schwärze des Nachthimmels. Der Donner akzentuiert die Unerbittlichkeit unserer Welt.

    Ich habe das Gefühl, die Individuation ist eine Lüge. Ja es ist schön wenn sich Dinge offenbaren und wir uns selber begegnen und dann ein entspannteres Leben führen können. Aber letzten Endes drehen wir uns im Kreis, löse ich ein Thema auf taucht ein anderes auf. Ich werfe Licht in den Tunnel und werde dadurch zum „Sehenden“ in meiner eigenen Psyche, aber der Teil dessen was ich nicht sehe bleibt gefühlt immer gleich groß. Letzten Endes bleibt nur die Akzeptanz des Leids als ultimative Wahrheit hinter allem. Akzeptieren, dass wir nie alle Geheimnisse lüften können. Wir begeben uns auf die Reise, aber wir bleiben Reisende auf ewig. Wir kommen nirgendwo an, wir sterben nur während der Reise.

    Ich ziehe meine Kleidung an, wie Spieler in einem mmorpg. Sieh meinen „Skin“, der mich von der Masse abhebt und in meiner Individualität unterstreicht, er zeigt: Ich nehme mich als eigenständiges Subjekt wahr, auch ich habe träume und wünsche, ich mache eine unterschied in dieser Welt. Der Ausdruck meiner Kleidung zeigt, ich gehöre zu einer bestimmten Gruppe, ich bin wer in dieser Welt. Ich trage meine Farben, um mir meine liebste Lüge zu erzählen: ich werde gesehen, und es macht einen Unterschied ob ich gesehen werde. Ich will gesehen werden, denn ich will glauben dass mein Leben einen Unterschied macht. Ich trage den HipHop Style zu meinem Schutz. Teil dieser Gruppe zu sein, gibt mir ein subjektives, aber letztlich illusionäres Gefühl von Sicherheit. Ich trage die Kapuze meines Oversize Hoodies zu meinem Schutz, weil ich mich von der Intensität der Welt abgrenzen muss. So kann ich das Gefühl haben, die Welt um mich herum zu kontrollieren. So fällt es mir leichter, die Lüge meines Unterbewusstseins zu glauben, ich hätte die Macht. Und letzten Endes tue ich all dies nur um mich von der Unvermeidbarkeit meines eigenen Todes hinwegzutäuschen. Mein Scheitern ist bereits eingeplant, was mir bleibt ist die Akzeptanz meiner Niederlage und die Hingabe an den Schmerz. Kennst du das wenn du dich deinen Ängsten stellst und sie besiegst? Kennst du das, wenn du dich wie der King fühlst und als ob du alles schaffen kannst? Kennst du das, wenn das Leben dich mit der gleichen Macht wie eh und je niederringt? Kennst du das, wenn du dein Unterbewusstsein erforscht, aber je mehr Licht du machst, desto dunkler wird es? Kennst du das, wenn du denkst du hast deine Themen bearbeitet und dennoch stetig neue dazukommen? Kennst du das, wenn du in deiner Selbstfindungsphase bist, und nachdem du dich gefunden hast, du dich genauso verloren wie eh und je fühlst? Vielleicht sind wir Nussschalen, allein auf hoher See. Wir können gemeinsam Segeln, doch dann bleiben wir gemeinsam orientierungslos. Ich weiß wer ich bin. Ich kenne meine Stärken und Schwächen, ich kann gut mit Worten, wenn ich denn will. Ich kann mäßig über Gefühle reden, aber für einen Mann schon ganz gut. Aber frag mich nicht ob ich traurig bin, ich bin ein Mann, ich zeige keine Schwäche. Ich bin beschissen in Mathe und in Organisation und Planung. Ich bin emphatisch und kann mich fein auf mein Gegenüber und dessen Emotionen einstimmen, aber wenn ich mich mit meinen Kolleginnen vergleiche, denke ich ich stehe noch am Anfang. Ich weiß wer ich bin. Ich bin diese Nussschale und das wird sich auch nicht ändern. Ich war seit jeher diese Nussschale, steuerlos auf hoher See und der Kompass zeigt unendlich viele Koordinaten gleichzeitig an. Lange dachte ich, ich muss nur endlich irgendwo ankommen. Wenn ich das geschafft habe, dann wird es endlich gut. Ich klammere mich an ein Ziel am Horizont, doch ich folge nur dem Sirenengesang. Ich werde niemals irgendwo ankommen, wir sind allein auf hoher See. Das einzige was mir bleibt, ist meine Orientierungslosigkeit zu akzeptieren. Ich bin diese Nussschale. Und ich werde untergehen. So wie jede Nussschale. Vielleicht habe ich auch keine Angst vor dem untergehen. Vielleicht habe ich Angst, von den schwarzen Tiefen verschlungen zu werden, bevor ich nicht jede Welle geritten bin. Vielleicht schreibe ich diese Texte, weil ich das Gefühl haben will, einen Unterschied gemacht zu haben. Doch Wellen schlagen im Ozean ist wie Salz ins Meer streuen, es macht einen Unterschied, doch letzten Endes werde ich Teil des großen Ganzen

  • Deathwishes

    Mai 19th, 2025
    Mai 19, 2025

    Die Mutter der Nacht erwartet mich. Das Ziel meiner Reise ist klar, seit ich meinen ersten Schritt tat. Ich lasse sie nicht länger warten. Ein sinnloser Kampf gekämpft ist eine unnötige Bürde. Der Geist ist der Folterknecht der Seele. Ich will die Waffen niederlegen und die Last des Lebens abwerfen. Lass mich schweben, die Dunkelheit in mir umarmt mich zärtlich. Die Mutter der Nacht empfängt mich. If life is hard, death gotta be easy.

    The siege is over. We were led to battle. They let us stray in dying. The fight is lost. Be laid to rest, soldier. Powerless hands coated in blood. The blade breaks in fatigue. Cold smoke smells like defeat.

    With a glance, the blooming of decay. All that remains is surrender.

    What was once loved, is lost. Ruins merely defended by exhaustion. The last glim of hope flickers. Silenced eyes bear a nameless truth. Memories consumed by the inferno. A single bird, white feathers spread in freedom. Flapping, stumbling. The bird roams the wasteland, to feed on the flesh of the fey. Now feathered in black like the shadow of death, as it always was. The vast battlefield, dust and ashes. Becoming one again. The wind freezes.

    Im erstarrenden Wind verglüht die Hoffnung.

    There is no glory in death, but the void.

    The grim reaper awaits upon us.

    A soul vanished. A mind tortured. A body crumbled.

    Die Mutter der Nacht, in den Schatten liegt meine Absolution.

    Ihr Gewand, gestickt aus dem Sternenhimmel.

    Ein fließender Schnitt des Mondlichts bei sternenklarer Nacht.

    Das kalte Silber erinnert die Ähren an die Erntezeit.

    Aus Sonnenlicht und Sternenstaub geformt, kehre ich Heim in die Ewigkeit der Kathedrale des Kosmos.

    #poetry

  • wie ein zweiter Sommer

    März 12th, 2025
    März 12, 2025

    Ein neuer Tag steht bevor. Sattgrüne Halme tragen Tautropfen, sie funkeln im Licht. Die Frühlingssonne lässt Nebelschwaden aufsteigen. Ein feiner Dunst hängt in der Luft, wie eine Erinnerung an kalte Tage, ein Versprechen für die Wärme des Sommers.

    Über das weite Feld legt sich ein goldener Schimmer. Ein Mirabellenbaum schüttelt sich den Schlaf aus den Gliedern, ein Boquet weißer Blütenblätter, erfasst von einem Frühlingshauch.

    Die Zweige der Rotbuchen tragen neue Knospen.

    Eine Magnolie zelebriert das Leben in üppiger Blüte.

    Auf der Weide grast ein einsames Reh.

    Raureif bedeckt das Winterfell. Das Reh hebt den Kopf, es trägt eine Krone aus zartem Sonnenlicht. In den Augen des Rehs liegt die Sehnsucht.

    Das Reh, von sanften Lippen liebkost. Der Raureif auf seinem Rücken glitzert in den ersten Strahlen des Tages. Er schmilzt, mit Anbruch des Neubeginns.

    Die Blüten der Prunia, getragen von einer leichten Brise. Sie sind das edle Gewand der Frühlingsbraut. Zart und schön, ist sie dem Sommer versprochen, doch sie liebt den Herbst. Die Frühlingsbraut hüllt sich in Nebel, es ist ihr Brautschleier.

    Ein alter Baum am Wegesrand, knorrig und vertrocknet, trägt den Mut neuer Blüten.

    Prüfend betrachtet Bruder Sol die aufbegehrende Lebenslust,

    ich sehe dein Lächeln, im stolzen Posieren der jungen Knospen.

    Wie der Frühling, hoffe ich auf ein altes Glück. Im letzten Licht des Tages, will ich dir meine Liebe erklären. Das Abendrot legt sich auf deine sanften Züge. In deinen schönen Augen spiegelt sich das Reh. Ich wärme mich, im Strahlen deiner Liebe.

    Es fühlt sich an, wie ein zweiter Sommer.

    Der letzte wurde uns genommen. Die Wahrheit brachte den Frost. Ich versuche, die warme Melancholie einzufangen, doch es will mir nicht recht gelingen.

    Ich sitze allein in der Küche und versuche mir vorzustellen, wie es wäre wenn du fehlst.

    Unsere Wohnung trägt eine Wärme, deine Wärme.

    Ich kann die Kälte des Verlusts nicht fühlen, denn du bist da auch wenn du nicht da bist.

    Ich bin wie das Reh auf der grünen Wiese, du bist meine Krone.

    Du bist ein Licht für mich, und ich darf dich in mir tragen.

    Du kehrst zu mir zurück. Wir hatten uns verirrt, wir sind auf der Suche.

    Immer gemeinsam, und doch jeder für sich.

    Ich bin das Chaos, wie ein Schneesturm, du bist die Ruhe wie Berggipfel.

    Ich bin der Berg selbst für dich. Du bist der Fluss für mich.

    Wir sind eins in der Rastlosigkeit. Ich hätte dich fast verloren. Wir hätten uns fast verloren.

    #poetry

  • Die Ballerina

    Januar 10th, 2025
    Januar 10, 2025

    Die Ballerina

    wie eine einzelne Kirschblüte, zart gezeichnet auf grober Leinwand

    Getragen nur von einem zierlichen Zweig, erwachsen aus der Hand des Künstlers. Ersonnen, als Faustpfand für einen ruhelosen Rachegeist

    ein rascher Strich des Katanas, blitzschnell zerteilt die Klinge die Luft

    Ein einzelner Schlag, geführt ohne Zögern von sicherer Hand

    Blut zieht eine filigrane Linie auf der glitzernden Schneedecke,

    ein Leben fließt dahin

    der Samurai ersetzt das Schwert durch den Pinsel

    ein Moment des Zauderns, ein Zittern der Muskeln,

    ein verirrter Strich des Pinsels,

    dunkle Tinte auf hellem Pergament,

    die Last liegt schwer auf seinen Schultern,

    der Samurai greift zum Tantō,

    das Leben des Samurai fließt dahin.

    Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich kurz die Augen schließe, verliere ich das Gleichgewicht. Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich mir einen Moment der Unachtsamkeit erlaube, breche ich ein.

    Manchmal habe ich das Gefühl, auf dünnem Eis zu laufen. Manchmal möchte ich zuschlagen und das Eis zerbrechen, einbrechen, abstürzen, ertrinken im schwarzen Wasser ist immer noch besser, als auf den Moment zu warten, an dem das Eis mich nicht mehr trägt.

    Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in einer Seifenblase. Manchmal habe ich Angst, die Blase platzt.

    Manchmal möchte ich meinen Wagen in den Gegenverkehr lenken. Manchmal möchte ich die Blase platzen lassen.

    Die Ketten in meinem Kopf, sie wispern und tuscheln, sie flüstern ich bin ein freier Mann.

    Manchmal will ich verglühen, wie ein unbeschriebenes Blatt im Kamin.

    Das Glück, es ist zerbrechlich. Wie eine Ballerina, in cremefarbenen Kostüm, die Haut makellos wie Porzellan, rote Lippen und ein strenger Dutt. Die Augen finden keinen Halt, sie müssen das Gleichgewicht bewahren. Zart, wunderschön. Eine Violine erweist Tchaikovsky die letzte Ehre. Ich habe Angst, ihrem Lächeln einen Sprung zu versetzen, wenn ich sie berühre. Ich will sie halten, ich will sie an mich drücken, ich gehe auf sie zu. Elegant, graziös, anmütig entfernt sie sich von mir, Pirouetten drehend auf dem Drahtseil.

    Für unsere Darbietung gibt es keine Choreografie. Wir tanzen, doch nur für uns.

    Jeder Schritt, ein Wagnis. Ein gesichtsloses Publikum wartet auf das große Finale, auf den einen Moment. Die Sekunde kurzer Unachtsamkeit, ein Blinzeln. Unser Ringen, eine Kür auf der Klinge des Katanas.

    Der Sog der Tiefe zerrt an mir. Der Tanz der Ballerina, Anmut und Eleganz, ein Kampf gegen die Angst. Sie tanzt um zu schweben, jede kühne Figur ein Moment der Freiheit. Im Geiste ist sie bereits gefallen. So lange sie tanzt, lebt sie. Sie fällt, sollte sie zaudern.

    Leise flüsternd, fordert das Drahtseil seinen Tribut. Die Klinge dürstet nach Blut. Das Flüstern spricht von Freiheit und dem Schleier der Nacht. Das Flüstern verlangt Einlass, in mein Schloss aus Glas.

    Der Blick in die Tiefe ist schwindelerregend,

    die Ballerina lässt mich die Schlucht der Vergessenen leugnen. Ihr Tanz- Leidenschaft, Verzweiflung, Perfektion, Todesangst. Ich bin gefesselt, wie gebannt, ich will sie halten, es ist uns bestimmt, zu schweben.

    Die Ballerina, erhellt die Nacht wie der Mondschein,

    ihr Schimmern verdrängt das Flüstern.

    Der Samurai erschlägt die Feinde des Shoguns,

    für einen Moment der Stille.

    Die Ballerina tanzt auf dem Drahtseil,

    es ist das Einzige was ihr bleibt, bis der Abgrund sie ruft.

    Der Samurai umklammert das Katana,

    seine Dämonen wohnen darin.

    Wir tanzen, auf des Messers Schneide. Das Flüstern schwillt an. Die Dämonen des Samurai rufen nach uns. Die Augen der Ballerina spiegeln sich in der polierten Klinge.

    In ihren kalten Augen liegt der Ruf der Leere, als wären sie der Mahlstrom selbst.

    Ich weigere mich, in ihrem verzerrten Spiegelbild den Hass zu sehen.

    Ich strebe nach Glück, sie flieht vor der Gier in meinem Blick.

    Ein gequältes Wesen, voller Furcht vor dem Absturz, ohne Ausweg. Kein Makel befleckt ihr Kostüm. Sie will mich hinunterstoßen, will mich aufschlagen sehen auf dem kalten Fels. Die Perfektion ist ihr einziger Trost.

    Ich will sie besitzen, sie muss es wert sein, besessen zu werden.

    Mein Leben in der Waagschale, meine Seele gesetzt auf Rot. Die Würfel sind gefallen, mein Fuß findet Halt, weit oben über dem Abgrund. Ich bekomme sie zu fassen, ich fühle mich frei. Erfüllt halte ich inne, dann bricht ihr Lächeln.

    Gleich wie die Perfektion, grausam entstellt, zerspringt die sanfte Melodie, mit einem Kreischen. Die Saiten der Violine – gerissen. Die warme Decke wird mir entrissen, ich werde mit einem Faustschlag aus dem Traum geweckt.

    Bedrohlich schwanke ich auf dem Drahtseil. Der Wind greift nach mir, und verführt mich, auf seinen Rücken zu steigen, und davon zu reiten.

    Ein schmutziges Grau bedeckt den Himmel, der Blick in die Ferne bietet keinen Trost. Das Drahtseil, gespannt über einer Schlucht aus zerklüfteten Felsen, zittert leicht wie vor Aufregung. Meine Hoffnung bricht, wie die von kalten Stein zerschmetterten Gebeine der mal Gewesenen.

    Im Kolosseum der Verdammten findet eine weitere Darbietung ihr jähes Ende. Die Geister der Gescheiterten, gelangweilt auf den Rängen. Sie warten auf den einen Moment, der faule Geschmack, für einen kurzen Augenblick bittersüß, wenn in einer weiteren Seele die Hoffnung stirbt.

    Die Ballerina fällt, mit grausamer Banalität. Das dumpf knackende Geräusch ihres Aufschlags, wie ein Zweig unter dem Fuß der Zeit, ein Riss in meinem Geist. Der Tanz ist aus, der letzte Akt gespielt.

    Alles was mir bleibt, ist eine letzte Verbeugung, vor einem Publikum, das die Schönheit des Lebens mit Abscheu beäugt. Ich schließe die Augen, und gebe mich dem Mahlstrom hin.

    die Kirschblüte währt nur einen Wimpernschlag

    sie verdörrt und fällt welk zu Boden.

    Das Kostüm der Ballerina ist zerrissen,

    auf einen gebrochenen Blick legt sich der Staub.

    Gefangen in ihrer Vollkommenheit, ist es ihr nicht vergönnt

    Sie sollte tanzen für mich. Sie sollte sterben durch mich.

    #poetry

  • Spiel des Lebens

    November 29th, 2024
    November 29, 2024

    Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind alle Kinder in den Körpern von Erwachsenen. Wir haben damals Kaufladen gespielt, mit imitierten Waren und Spielgeld, und wir tun es noch.

    Ein Lächeln, ein freundliches Wort. Wir spielen das Skript. Der Bettler neben dem Aldi erscheint zu seiner Schicht. Ich habe kein Bargeld, ich schenke ihm ein Lächeln.

    Lächle ich für mich oder für ihn? Es fühlt sich nicht echt an. Es gab Zeiten, da konnte ich ein Lächeln nicht erwidern. Diese junge Frau schenkte mir ein Lächeln, aus Höflichkeit, als knappes nonverbales Hallo.

    Ich konnte nicht zurück lächeln, es ging nicht. Heute habe ich mein Lächeln wiedergefunden, aber was bringt es wenn es sich nicht echt anfühlt?

    Die Kinder im Aldi fahren mit dem Einkaufswagen lachend durch den Supermarkt, ein pures Kinderlachen. Lächelnd schaue ich ihnen zu, sie bemerken meinen Blick. Ich sehe Skepsis und Zweifel in ihren Gesichtern.

    Nachdem die Kinder es vorgemacht haben, erlaube ich mir auch, meinem Impuls nachzugehen und mit dem Einkaufswagen durch den Laden zu fahren. Auf dem Parkplatz fühle ich die kindliche Freude, als Delia mich zieht und ich „schneller“ rufe!

    Wir sind Kinder, verschüttet unter den Zwiebelschichten sozialer Erwartungen.

    Was ändert sich, wenn das Leben ein Spiel ist?

    Wir sind spielende Kinder, und am Ende haben wir nicht gewonnen sondern das Spiel ist vorbei. Wir sind ahnungslos, aber tun so als hätten wir die Regeln des Spiels verstanden.

    Als gäbe es einen großen Spielmacher, an dessen Regeln wir uns halten. Wir wissen nicht was wir tun, warum wir es tun.

    Die meiste Zeit des Tages sind wir verloren und suchen Halt im Alltag, in belanglosen Handlungen, nur damit wir nicht fühlen wie führungslos wir sind.

    Wir sind ein Schiff auf hoher See, aber tun so als hätten wir den Leuchtturm fest im Blick. Lächelnd auf das Ziel zu steuern, dabei ist das Meer dunkel und wild, egal wohin wir segeln.

    #poetry

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